Warum Berührung lebenswichtig ist

Am 21. Januar ist Weltknuddeltag. Warum Berührung für Menschen lebenswichtig ist, erklärt Prof. Dr. med. Ralf Nickel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an den HSK, Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden.   

Ein fester Händedruck zur Begrüßung, eine tröstende Umarmung zwischen Freunden oder der innige Kuss zweier frisch Verliebter: Berührungen sind fester Bestandteil des Lebens. Meist erfolgen sie nebenher, ohne dass man sich darüber Gedanken macht.

In unserer immer stärker digitalisierten Welt von Twitter, WhatsApp und Facebook bleibt der Körperkontakt aber oft auf der Strecke. Dabei ist Berührung für das Wohlbefinden entscheidend und für Menschen sogar überlebenswichtig. Ein schreiendes Baby beruhigt sich am besten, wenn seine Mutter es in den Arm nimmt. Unser Schmerzempfinden wird verringert, wenn uns ein nahestehender Mensch die Hand hält. „Im Normalfall führt Körperkontakt dazu, dass man sich insgesamt dem anderen Menschen näher fühlt. Nähe erzeugt eine positive Atmosphäre und das führt zur Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin und Oxytocin, die das Wohlbefinden fördern“, erklärt  Prof. Dr. med.  Ralf Nickel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an den HSK, Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden. Dopamin ist das so genannte Glückshormon, Oxytocin wird auch als Bindungshormon bezeichnet. Es bindet Mutter und Kind, aber auch Liebende aneinander.

Berührungen werden unterschiedlich empfunden

Dieser positive Effekt erfolgt meist bei Menschen, die sich nahe stehen. Wie jemand eine Berührung empfindet, hängt von seinen individuellen Körperkontakt-Erfahrungen ab: „Wer von Geburt an viel Liebe und Zuneigung erhalten hat, wird in der Regel positiv auf Berührungen reagieren. Wem Körperkontakt verwehrt wurde oder Berührungen gar in negativer Form – etwa körperlicher Gewalt – erfahren hat, der reagiert unter Umständen sogar mit der Ausschüttung von Stresshormonen, wie Cortisol“, so Nickel. Auch der Kontext, in dem der Körperkontakt entsteht, spielt  eine wichtige Rolle für das Empfinden des Einzelnen. Erfolgt die Berührung zuhause oder in der Öffentlichkeit? Ist die Person mein Freund, Kollege oder Familienangehöriger? Wenn etwa zwei gute Freunde sich zum Abschied umarmen, ist das eine vertraute Situation und führt eher zur Ausschüttung von Glücks- und Bindungshormonen, als die Berührung eines Fremden. So sind die „free hugs“-Aktionen, bei denen Menschen Fremden auf der Straße kostenlose Umarmungen anbieten, nicht für jeden geeignet: Bei zurückhaltenden, introvertierten Menschen kann eine Umarmung von einem Fremden Stress auslösen. „Bei Körperkontakt ist immer entscheidend, wie die beiden sich Berührenden zueinander stehen“, sagt Nickel. 

Berühren hilft Heilen

Körperkontakt unterstützt nicht nur die Entwicklung des Menschen, er hilft auch, gesund zu werden und gesund zu bleiben. „Wenn die Haut berührt wird, reagiert das Immunsystem sehr stark. So werden Botenstoffe, wie etwa Cortisol, die das Immunsystem dämpfen und die Immunreaktion abschwächen, durch Berührung der Haut gemildert. Die Ausschüttung von das Immunsystem stärkenden Botenstoffen wird sogar deutlich gefördert und darüber auch die Heilung von vielen Krankheiten und Beschwerden. Es gibt sehr wenig, was besser zu Entspannung führt, als eine wohltuende, warme Berührung eines vertrauten Menschen“, sagt Nickel. Er warnt aber: Einseitige körperliche Zuneigung mit der starken Betonung des Konsumierens sollte eher kritisch gesehen werden. Denn Berührungen sind immer interaktiv, ein Wechselspiel zwischen zwei Menschen. Wenn zwischen Erwachsenen einer ausschließlich aktiv oder passiv ist, ist das ein Zeichen, dass in der Beziehung etwas sehr aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ein einseitiger Körperkontakt ähnelt dann einer Droge, sie wird genommen, um einen positiven Zustand herzustellen, hat aber langfristig negative Auswirkungen.

Berührungen sind überlebenswichtig

Wenn man Menschen Berührungen verwehrt, kann das die Entwicklung stark beeinträchtigen und sogar zum Tod führen. Bei einem Experiment des Psychologen und Verhaltensforscher Harry Frederick Harlow wurden zwei Gruppen Rhesus-Äffchen gleichermaßen mit Milch ernährt, wobei die eine Gruppe lediglich ein Drahtgestell als Mutter vorfand, die andere Gruppe hingegen ein Drahtgestell im weichen, Fell ähnlichen Frotteemantel. Obwohl alle Äffchen gleich ernährt wurden, entwickelte sich die erste Gruppe schlecht und wurde verhaltensauffällig. „Körperkontakt ist nicht nur die Berührung der Haut, es geht auch um den Geruch, oder Wärme. Wir lernen über ganz viele Kanäle – übers Sehen, Riechen, Schmecken, Hören, aber eben auch durch taktile Reize. Die Haut ist das Organ, worüber wir am umfassendsten und stärksten mit der Umwelt in Kontakt stehen. Die Hirnreifung von Babys wird durch Berührung angeregt. Ohne Körperkontakt kommen normale Wachstumsprozesse nicht in Gang“, so Nickel. Bereits im 13. Jahrhundert zeigte sich in einem grausamen Experiment, wie sehr Menschen von Berührungen abhängig sind. Kaiser Friedrich II. befahl Ammen, die Babys nur zu füttern und zu waschen. Sprechen, Umarmungen und Zuneigung waren verboten. Nach der Überlieferung hat keines der Kinder das Experiment überlebt.

Drei Fragen an Prof. Dr. med Ralf Nickel:

Können Berührungen die Genesung von einer Krankheit vorantreiben?

„Ja. Körperliche Nähe von vertrauten Menschen wirkt sich positiv auf Heilungsprozesse aus. Durch die Berührung der Haut wird Stress reduziert und das Immunsystem gestärkt. Zudem trägt Zuneigung zur Beruhigung bei. Der Körperkontakt sollte jedoch nicht ausschließlich einseitig sein – Berührung ist immer ein Wechselspiel zwischen zwei Menschen. Der Kontakt mit Tieren kann sich ebenfalls positiv auswirken. Ersetzen kann er den menschlichen Körperkontakt aber nicht.“

Brauchen alle Menschen gleich viel Nähe?

„Wie viel Nähe ein Mensch braucht und zulassen kann, entscheidet sich hauptsächlich in den ersten 12 bis 18 Lebensmonaten. Im Laufe des Lebens kommt es zwar zu Veränderungen und man sammelt weitere Körperkontakt-Erfahrungen, aber immer auf der Basis dieser ersten Monate. Wenn die Eltern ausreichend feinfühlig auf das Kind eingegangen sind und es viel Zuneigung bekam, wird es im Erwachsenenalter Körperkontakt wahrscheinlich positiv annehmen. Spätere einschneidende Erlebnisse, wie beispielsweise körperliche Misshandlungen oder ein sexueller Missbrauch können aber dazu führen, dass Nähe plötzlich als unerträglich empfunden wird. Dann kann eine Behandlung helfen, sich langsam wieder an Berührungen zu gewöhnen.“

Warum verbessert Körperkontakt das Wohlbefinden?

„Über den Austausch von Nähe wird in der Regel eine angenehme Atmosphäre geschaffen. Es kommt zur Ausschüttung von das Wohlbefinden stärkenden Botenstoffen wie zum Beispiel Dopamin, dem so genannten Glückshormon und Oxytocin, dem Bindungshormon. Wie Körperkontakt empfunden wird, hängt von den Körperkontakt-Erfahrungen jedes einzelnen Menschen ab. Ein positiver Effekt entsteht in der Regel bei Menschen, die sich nahe stehen. Die Basis dafür, wie wir Berührungen aufnehmen, liegt bereits im frühen Kindesalter. Körperkontakt ist nicht nur die Berührung der Haut, es geht auch um den Geruch, der aufgenommen wird, Wärme und weitere Botenstoffe, die ausgetauscht werden. Untersuchungen zeigen, dass wir ganz ohne körperliche Nähe nicht überleben können.“

Ihre Ansprechpartnerin:

Kirsten Feldmann
Unternehmenskommunikation und Marketing
HSK, Dr. Horst Schmidt Kliniken
Telefon: +49 0611 43 9649
E-Mail

Bilder zum Download

Bild: HELIOS Kliniken GmbH

Download (jpg; 96 dpi; 0,3 MB)

Bild: HELIOS Kliniken GmbH

Dr. Ralf Nickel

Download (jpg; 300 dpi; 3,6 MB)



Über uns