"Kultur des Erinnerns trägt zur Genesung bei"

Dr. med. Jochen-Friedrich Buhrmann,
Chefarzt Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an den HELIOS Kliniken Schwerin

20 Jahre nach dem Mauerfall. Von dem Stolz und der Zuversicht bei der friedlichen Revolution ist bei vielen Ostdeutschen kaum noch etwas zu spüren, beobachtet Dr. med. Jochen-Friedrich Buhrmann, Chefarzt der Psychosomatischen Medizin an den HELIOS Kliniken Schwerin. Statt über ihre Erfahrungen – vor oder nach der Wende – zu sprechen, schweigen und leiden einige von ihnen. Dies kann sogar zu einer psychosomatischen Erkrankung führen.

 

Ist die Einheit bei den Menschen in Deutschland angekommen?

Die Wiedervereinigung wurde vor 20 Jahren formal vollzogen. Die Frage, inwieweit die neue Bundesrepublik zusammengewachsen ist, wird sehr unterschiedlich beantwortet. Eine noch nicht veröffentlichte Studie der Universität Leipzig besagt, dass 40 Prozent der Westdeutschen eine zusammengewachsene Bundesrepublik bejahen, wogegen nur 18 Prozent der befragten Ostdeutschen diese Meinung vertreten. Die Ostdeutschen gehen davon aus, dass das Zusammenwachsen noch mehr als 20 Jahre dauern wird.

 

Welche Hoffnungen gab es im Osten? Welche im Westen?

Die Hoffnungen und Wünsche hat die ostdeutsche Bevölkerung in ihrer friedlichen Revolution deutlich zum Ausdruck gebracht. In den wenigen Wochen der friedlichen Revolution lassen sich zwei bisweilen konvergierende Strömungen erkennen. Am Beginn stehen oppositionelle Gruppen, wie z. B. das Neue Forum, die sich im Umfeld der evangelischen Kirchen etablieren konnten. Diese Gruppen wünschten eine Modernisierung der DDR und keine 1:1-Übernahme des westdeutschen Gesellschaftssystems. Diese Gruppen waren zahlenmäßig zunächst klein und haben meines Wissens fünf Prozent der Bevölkerung präsentiert. Mit den Demonstrationen in der Folge der Friedensgebete wird eine zahlenmäßig deutlich größere Strömung sichtbar, nämlich die der Ausreisewilligen, die den DDR-Staat als gescheitert erlebten und für den Anschluss an Westdeutschland plädierten. Das wird unter anderem daran sichtbar, dass bei den ersten freien Volkskammerwahlen entgegen den Prognosen im März 1990 über 50 Prozent für die Wahlbündnisse der CDU und der Liberalen und damit für den sichersten Weg der Wiedervereinigung und das Gesellschaftssystem Westdeutschlands gestimmt haben.

 

Wie wird die Wiedervereinigung in Ostdeutschland heute gesehen?

Bei regelmäßigen Untersuchungen im Rahmen der sächsischen Längsschnittstudie werden seit 1987 kontinuierlich Teilnehmer des Geburtsjahrganges 1973 befragt. Nach wie vor stehen die Befragten zur Wiedervereinvereinigung als einem unumkehrbaren Schritt. Auch gibt es keine Verklärung der DDR-Verhältnisse. Doch stehen die Teilnehmer aufgrund fehlender Aufstiegschancen als Ostdeutsche in der gemeinsamen Bundesrepublik und der Weltwirtschaftskrise dem Gesellschaftssystem zunehmend kritisch gegenüber.

 

Warum thematisieren viele Ostdeutsche ihre Vergangenheit nicht?

Allein in Mecklenburg-Vorpommern leben zirka 20.000 Menschen, die aufgrund DDR-staatlicher Ristriktion traumatisiert sind. Mit ihren Erfahrungen und dem damit verbundenen Misstrauen befinden sie sich jedoch nicht in der erforderlichen Psychotherapie. Sie schützen sich, indem sie ihre schlimmen Erfahrungen verschweigen. Eine andere Ursache ist, dass die entsprechenden Protagonisten - wie z.B. die Politiker Böhmer und Schönbohm sowie der Kriminologe Preiffer - in den Medien Ostdeutsche als „unzulänglich, zerbrechlich, unfähig und manchmal sogar als primitiv“ ansehen und behandeln. Auch viele nichttraumatisierte Ostdeutsche können ihre seit der Wende erbrachte Lebensleistung nicht mit Stolz und Freude erleben. Das fällt uns bei vielen Patienten auf, die psychosomatisch krank geworden sind.

 

Wie ist das aus psychoanalytischer Sicht zu sehen?

Die Wiedervereinigung stellt einen Akt der Unterwerfung dar, der sich in Hochkulturen aller Epochen wiederfindet. Der gewünschte verhandlungslose Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland war der sicherste Weg, jedoch um den Preis, dass den Ostdeutschen ein Mangel an Empathie entgegengebracht wird. Die Anpassungsleistung der Ostdeutschen wird als eine Art Bringschuld betrachtet, die eingelöst werden muss. Schließlich wollte der Ostdeutsche die Eingliederung, also muss er sich anstrengen, zumal sich für den Westdeutschen - angeblich - sowieso nichts geändert hat. Auf diese Weise lässt sich auch erklären, warum von der überschwänglichen Freude, dem Stolz und der Zuversicht der Ostdeutschen bei der friedlichen Revolution kaum noch etwas zu spüren ist. Aufgrund der immer noch herrschenden Ungleichheit zwischen Ost- und Westdeutschen hat sich noch kein ausreichendes gemeinsames Bewusstsein dafür herausgebildet, dass die friedliche Revolution das konstituierende Merkmal der gemeinsamen Bundesrepublik und Leistung der Ostdeutschen ist.

 

Welche Gefahr besteht, wenn die Vergangenheit nicht verarbeitet wird?

Belastende Lebenserfahrungen können krankmachen - auch nach Jahrzehnten noch. Das gilt für Individuen ebenso wie für Gruppen und Nationen. Eine Kultur des Erinnerns hält das Wissen um das Erlittene wach und trägt somit zur Genesung bei. Andernfalls führt es zur zwangsläufigen Weitergabe an die nachfolgende Generation, wo das Erlittene dann krankmachend weiterwirkt.

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Zur Person

Dr. med. Jochen Buhrmann leitet seit sieben Jahren die Psychosomatische Klinik der HELIOS Kliniken Schwerin. Er ist Facharzt für Innere Medizin, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Psychoanalytiker. Der 52-Jährige ist in Münster/Wetsfalen aufgewachsen. Bei Fall der Mauer lebte Dr. Buhrmann in Hamburg. Seine persönliche Sicht auf das historische Ereignis am 9. November 1989: "Ich bin nach wie vor angetan von der Courage und der Freude der Ostdeutschen während der sogenannten Wende. Die freudige Aufbruchstimmung hat mich damals regelrecht angesteckt. Für die friedliche Revolution und die damit im Zusammenhang stehenden nachfolgenden Leistungen empfinde ich Hochachtung."

Bild: HELIOS Kliniken

Dr. med. Jochen-Friedrich Buhrmann, Chefarzt Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, HELIOS Kliniken Schwerin
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