Gut gewappnet gegen "Herbstblues" und Winterdepression

Prof. Dr. med. Andreas Broocks
Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Ärztlicher Direktor, Carl-Friedrich-Flemming-Klinik, HELIOS Kliniken Schwerin (Foto: HELIOS Kliniken)

Wir merken es schon morgens, wenn der Wecker klingelt: Der Sommer ist endgültig zu Ende, die Tage werden kürzer und unser Körper muss sich umstellen  - auf die dunklere, kühlere Jahreszeit. Vielen Menschen bereitet die Umstellung große Schwierigkeiten, denn oft bringt dies auch einem Stimmungswandel mit sich: Aus Sommerlaune wird ein "Herbstblues"; einige Menschen rutschen sogar in eine Depression, die ärztlich behandelt werden muss. Wie können wir uns davor schützen? Wir sprachen mit Professor Dr. med. Andreas Broocks, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, HELIOS Kliniken Schwerin.

 

Winterdepression – was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

 

Den allermeisten Menschen geht es im Winter stimmungsmäßig tendenziell schlechter als im Sommer. Einige Menschen reagieren auf den Lichtmangel, den die Ver­kürzung und Verdunklung der Tage mit sich bringt, mit einer Winterdepression. Dies ist eine behandlungs­bedürftige Erkrankung, die bei einigen Patienten regel­mäßig in der dunklen Jahreszeit auftritt und ihren Höhepunkt von Dezember bis Februar erreicht.

 

Was sind die wichtigsten Symptome?

 

Die Kernsymptome sind eine gedrückte Stimmung, der Verlust von Freude und Interesse, die Betroffenen sind antriebslos. Gleichzeitig nimmt das Selbstwertgefühl ab, es kommt zu Konzen­trations- und Aufmerksamkeitsstörungen. Die Menschen haben Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit, und sie blicken negativ in die Zukunft. Bei schweren Depressionen hat der Patient gar keine Gefühle mehr und Suizidgedanken treten in den Vordergrund.

 

Was ist das Besondere an der Winterdepression?

 

Sie ist eine spezielle Untergruppe der Depression, bei der Lichtmangel eine zentrale Rolle spielt. Einige Symptome sind anders: Normalerweise haben Depressive ausgeprägte Schlafstörungen, Appetitmangel mit Gewichtsverlust und ein Morgentief. Bei der Win­terdepression ist das meist umgekehrt: Die Patienten schlafen mehr, ohne dass sie sich dabei erholen können. Viele haben Heißhunger auf Kohlenhydrate und Schokolade und nehmen in der Folge an Gewicht zu. Möglicherweise ist dieser Heißhunger eine Art Selbstheilungsversuch: Denn Kohlenhydrate fördern die Produktion des Nervenbotenstoffes Serotonin, der eine stimmungsaufhellende Wirkung hat. Leider macht der Gang zur Waage diesen positiven Effekt oft wieder zunichte.

 

Wenn Licht so wichtig ist – müssten dann nicht Menschen weit im Norden viel ausgeprägter unter Winterdepressionen leiden?

 

Je höher der Breitengrad, desto häufiger ist diese Er­krankung. Die Finnen haben z.B. weltweit die höchste Selbsttötungsrate. Aber neben Lichtmangel spielt auch eine erblich bedingte Empfindlichkeit für die veränderten Lichtverhältnisse eine Rolle.

 

Wie kann  man sich im Herbst und Winter mehr Licht verschaffen?

 

Normale Zimmerbeleuchtung reicht nicht aus. Hier übersteigt die Lichtstärke nicht einmal 100 lux. Ein bewölkter Wintertag dagegen bringt schon 2000 lux, ein sonniger Tag im Hochgebirge im Schnee kann bis zu 100.000 lux gehen. Für die Behandlung der Winterdepression gibt es spezielle Lichttherapie­geräte. Sie erzeugen das sogenannte "Full Spectrum Bright Light" ohne die schädlichen UV-Strahlen. Eine Lichtstärke von 2500 bis 10.000 lux ist für die Behandlung ausreichend. Es gibt mittlerweile preisgünstige Geräte, die auch für gesunde Menschen eine Option sind. Denn viele Menschen leiden darunter, dass sie im Winter morgens nicht so gut in Gang kommen und Konzentrationsprobleme haben. Schon das helle Licht auf dem Frühstücks- oder Schreibtisch kann den Start am Morgen verbessern. Licht ist neben körperlicher Aktivität und Nahrungsaufnahme seit jeher der entscheidende Zeitgeber für Biorhythmen. Es gibt Studien, die zeigen, dass helles Licht den Wachheitsgrad und die Konzentrationsfähigkeit verbessern.

 

Ist Sport gegen Winterdepression grundsätzlich ratsam?

 

Eine Reihe wichtiger Studien zeigt, dass Ausdauertraining und wahrscheinlich auch Krafttraining sehr gute therapeutische und vorbeugende Effekte gegen depressive Störungen haben. Intensives Ausdauertraining hat neben psychologischen Wirkungen diverse neurobiologische Wirkungen, z.B. stimuliert es den Serotonin-Stoffwechsel im Gehirn. Besonders günstig wäre ein Spaziergang in der Mittagspause. Diese Effekte lassen sich auch präventiv nutzen, so dass es bei entsprechend veranlagten Menschen gar nicht erst zur Winterdepression kommen muss.

 

Wie kann man sich noch gegen eine Winterdepression schützen?

 

Hilfreich ist, sich vollwertig zu ernähren und dabei insbesondere auf eine ausreichende Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren zu achten. Diese sind z. B. in Seefisch, Oliven, Walnuss und Distelöl enthalten.

Licht, Bewegung, Ernährung: Das sind also die entscheidenden Faktoren. Darüber hinaus sollte man sich – gerade wenn man hart arbeiten muss – jeden Tag etwas Gutes gönnen. Wer jetzt sofort an das abendliche "Gläschen" denkt, muss wissen, dass sich Alkohol nachteilig auf die Schlafstruktur auswirkt und insbesondere Menschen schadet, bei denen schon depressive Symptome bestehen. Ansonsten ist gegen das eine Gläschen nichts einzuwenden.

 

Was kann der Betroffene tun, wenn es ihm trotz allem schlechter geht?

 

Von Selbstmedikation jeder Art rate ich ab! Wenn die genannten Maßnahmen nicht helfen, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Insbesondere die Behandlung mit antidepressiv wirkenden Substanzen gehört unbedingt in die Hand eines Facharztes.

Bild: HELIOS Kliniken

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