Wie sich Menschen mit Essstörungen in Beziehungen erleben und verhalten
Menschen mit Essstörungen können in dem Sinne als "Anpassungskünstler" bezeichnet werden, dass sie sich sehr mit den Augen anderer sehen und versuchen, sich deren (vermuteten) Erwartungen anzupassen, dadurch aber den Bezug zu sich selbst und ihren eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Meinungen verlieren. Ihnen fehlt daher oft das Gefühl von Identität und Eigenständigkeit. Oft wirkt dann auch ihr Denken nicht klar und problemlösend, sondern wie "vernebelt“ und auch für andere verwirrend. Sie versuchen, zur inneren Entlastung das Problem wie auch die Lösung in einer äußeren Begebenheit zu finden, d.h. das Problem ist das Essen, der Veränderungsbedarf liegt außen. Indem sie sich abhängig von ihrer Umgebung fühlen, übertragen sie Verantwortung für ihre eigene Lebens- und Beziehungsgestaltung auf andere, was kurzfristig von Schuldgefühlen entlastet, langfristig aber die Erfahrung von Unselbstständigkeit aufrecht erhält.
Auf der anderen Seite steht der auch nach außen hin auffällige Wunsch, sich selbst weitestgehend zu kontrollieren und bedürfnislos zu erscheinen, sich dadurch selbstständig und autonom und von Zuwendung, Bestätigung oder Aufmerksamkeit anderer möglichst unabhängig zu erleben. Sichtbar wird dieser Wunsch z.B. im ausgeprägten Helferverhalten der Betroffenen: Um das Gefühl eigener Autonomie zu wahren, verhalten sie sich sehr hilfsbereit, gleichzeitig aber auch kontrollierend, indem sie sich der Probleme und Bedürfnisse anderer annehmen, die eigenen jedoch außen vor lassen. Dem liegt oft die biografische Erfahrung zugrunde, mit eigenen Bedürfnissen nicht akzeptiert oder wichtig genommen worden zu sein – eine grundlegende Enttäuschung, vor deren Wiederholung sich die betroffene Person seit Jahren und bis heute zu schützen versucht. Sie definiert sich durch das Helfen und erhofft sich auf diese Art Zuwendung und Nähe, ohne aktiv danach fragen, darum bitten und sie wirklich "annehmen“ zu müssen. Letztlich bleibt sie also unbefriedigt und "leer“, weil die erhaltene Zuwendung nur indirekt (über Leistung für andere) oder wie "erschlichen“ erlebt wird und nicht ausdrücklich und vorbehaltlos ihrer Person gegolten hat.
Bulimikerinnen und Anorektikerinnen haben meist große Angst vor mitmenschlicher Nähe – entweder aus Scham über ihr verheimlichtes (bulimisches) Essverhalten oder aus Furcht, in der Ähnlichkeit mit anderen die eigene Besonderheit zu verlieren und "in der Masse unterzugehen“. Sie leiden unter einem hohen Perfektionismus, der ihre mangelnde emotionale Stabilität und ihr geringes Selbstwertgefühl kaschieren oder auch ausgleichen soll, sie langfristig aber durch die Forderung nach besonders guter Leistung überfordert. Was bleibt, ist das Erleben, sowohl beim Essen als auch in Beziehungen zu kurz zu kommen: "Es ist nie (gut) genug". Dadurch sind der Verlust der Selbstkontrolle und damit der nächste Essrückfall bereits vorprogrammiert.
Erfahrungsbericht von Dr. Bärbel Wardetzki |
Die bekannte Autorin und Psychologin Dr. Bärbel Wardetzki, die 11 Jahre lang das Essstörungskonzept der HELIOS Klinik Bad Grönenbach mit aufgebaut hat, betont in ihren Büchern den Zusammenhang zwischen mangelndem Selbstwertgefühl und der bulimischen Essstörung.
Insbesondere das dort beschriebene Spannungsfeld zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Grandiosität – wobei ersteres in Verbindung mit eigenen Bedürfnissen nach Nähe und Anerkennung auftaucht, letztere dagegen die oft von Betroffenen erlebte funktionierende "Fassade von Leistung und Unabhängigkeit" darstellt – ist häufig ein zentrales Thema in der therapeutischen Bearbeitung der bulimischen Problematik.
Interessierte Leser seien auf die Bücher der Autorin verwiesen. |
Der innerseelischen "Welle“ unangenehmer Gefühle wie Scham, Angst und Ekel vor sich selbst sowie selbstabwertender Gedanken (Schuld, Vorwürfe, Wertlosigkeit, Hoffnungslosigkeit etc.), die auf einen Essanfall folgt, versucht die Betreffende zu entgehen, indem sie sich mit erneuten Perfektionsansprüchen, "guten Vorsätzen“ und neuen Versprechen der "Besserung“ auf die scheinbar stabile, sichere Seite rettet.
Nahrungsmittel werden nach rigiden Regeln in gut und böse eingeteilt. Die "bösen“ Speisen sind die kalorienhaltigen wie Nudeln, Schokolade und Kuchen; die "guten“ sind die kalorienarmen wie Magerjoghurt, Quark und Körner. Je nach Anzeige der Waage werden die Tage in gute oder böse Tage eingeteilt, und das ganze Stimmungsgefüge kann für einen Tag ins Negative umkippen, wenn die Waage etwas mehr Gewicht anzeigt.
Der Zusammenhang zwischen Selbstkontrolle und Essrückfall wird im Modell des bulimischen Symptomkreislaufs beispielhaft verdeutlicht.