Die stationäre Behandlung
Wegen der beeinträchtigten psychischen Struktur der Patientinnen und Patienten ist die Grundvoraussetzung für eine wirksame Behandlung ein strukturierter therapeutischer Rahmen, der die mangelnden strukturellen Fähigkeiten der Patientinnen und Patienten zum Teil ausgleicht und vor unnötigen Erschütterungen schützt sowie Regeln des Miteinanders vorgibt. Dazu gehören in erster Linie klare Strukturen: Ein Therapievertrag, eine Hausordnung, zwei Bezugstherapeuten, eine gute Zusammenarbeit zwischen Gruppentherapeuten und Pflegeteam, klare Gruppenstrukturen und Regeln für die Zusammenarbeit der Patientinnen und Patienten untereinander, regelmäßige Teamsupervision. Zu diesen Strukturen gehört auch die Abstinenz von Suchtmitteln während der gesamten Therapie und die Bearbeitung der Suchtthematik in Suchtgruppen. Die Behandlung findet als Gruppentherapie statt und wird durch einen wöchentlichen Einzelgesprächs-Termin ergänzt. Die therapeutische Arbeit ist eingebettet in das Zusammenleben in der Therapeutischen Gemeinschaft aller Patientinnen und Patienten der Abteilung.
Auf der Basis dieses strukturierten Rahmens erfolgen ein schrittweises therapeutisches Vorgehen und die Arbeit mit verschiedenen therapeutischen Strategien in der so genannten Basisphase, Kernphase und Abschiedsphase der Therapie.
1. Konfrontative Strategien:
Der erste Schritt besteht in der Verringerung des destruktiven Verhaltens über die Arbeit mit Verträgen (Aufgabe des destruktiven Verhaltens und Erarbeitung von problemlösendem Verhalten und Denken). Diese Arbeit beinhaltet auch die Übernahme der Verantwortung für die eigenen Entscheidungen und das eigene Handeln. Rückmeldungen der Mitpatientinnen und Mitpatienten in den Therapiegruppen sind bei dieser Arbeit eine große Hilfe.
2. Stabilisierende Strategien:
Hierbei geht es um das Erlernen eines besseren Umgangs mit schwierigen Situationen (Stress aushalten und Krisen überstehen lernen, Gefühle besser verstehen und regulieren lernen). Hierzu nutzen wir neben der Vertragsarbeit Techniken des Fertigkeitentrainings, stabilisierende Imaginationen und emotionales Coaching (nach L. Greenberg). Bei manchen Patientinnen und Patienten ist eine spezifische Angstbehandlung erforderlich.
3. Strukturfördernde Strategien:
Hierbei geht es um die Fähigkeit zur Realitätsprüfung, also darum, unterscheiden zu lernen zwischen Innenwelt und Außenwelt, zwischen sich und anderen, zwischen verschiedenen Persönlichkeitszuständen (in den Therapiegruppen) sowie um das Fördern von Bewusstheit und damit der Möglichkeit, innere Distanz zu typischen destruktiven Reaktionsneigungen zu entwickeln (mit Achtsamkeitsübungen nach M. Linehan und Thich Nhat Hanh, Wahrnehmungs-Übungen aus der Gestalttherapie). Es geht auch darum, das Körperempfinden zu verbessern, Gefühle voneinander zu unterscheiden, Bedürfnisse wahrnehmen zu lernen.
Auch die Verarbeitung von Erfahrungen soll durch strukturfördernde Strategien verbessert werden (z.B. nicht mehr schwarz-weiß, entweder-oder, sondern sowohl-als-auch denken zu lernen). Manchmal müssen regelrecht neue Handlungs-Schemata erlernt werden (wie man etwas macht: Kontakt aufnehmen, sich mitteilen, Konflikte lösen, sich loslösen etc.). Bei diesen Lernaufgaben stehen die Therapeuten mit ihren Fähigkeiten den Patientinnen und Patienten hilfreich zur Seite, auch Körpertherapie und Kreativtherapie unterstützen diese Arbeit an der Strukturbildung.
4. Persönlichkeits-Integration fördernde Strategien:
Menschen gehen häufig so mit sich um, wie sie es durch andere erlebt haben (erlebte Grausamkeit führt zu grausamem Umgang mit sich selbst etc.). Diese so genannten negativen Introjekte können in der Kerngruppe bearbeitet und verändert werden. Auf der anderen Seite können durch positive Neuerfahrungen mit den Therapeuten und Mitpatientinnen und Mitpatienten gute, heilsame Bilder von sich und anderen verinnerlicht werden und innere emotionale Bindungen zu anderen entstehen. Auch abgespaltene Anteile von sich selbst können wieder in das psychische Geschehen integriert werden (z.B. bedürftige Anteile, aggressive Anteile, fürsorgliche Anteile etc.). Die Verarbeitung von Traumatisierungen kann bei ausreichend erfolgter Stabilisierung ebenfalls gefördert werden, Frauen mit erlittener sexualisierter Gewalt können neben der normalen Gruppentherapie an einer wöchentlich stattfindenden Frauengruppe teilnehmen.
Ergänzt wird das Therapieprogramm nach Indikation durch die medizinische Betreuung, Sporttherapie und Sozialtherapie. Der Besuch von Selbsthilfegruppen während der Therapie wird erwartet, da dies auch über die stationäre Therapiezeit hinaus eine wichtige Maßnahme zur dauerhaften Stabilisierung ist.