Überwindung einer Panikattacke im Juli 2005
(von Ana R. M.)
Es war ein ruhiger normaler sonniger Tag in meiner vierten Therapiewoche an der HELIOS Klinik Bad Grönenbach und ich ging nachmittags mit anderen Patientinnen in den Ort zum Eis essen. Ich saß in einer entspannten Atmosphäre gerade in der Eisdiele, als plötzlich und wie üblich ohne Vorwarnung die ersten physischen Veränderungen auftraten: Ich bemerkte ein heftiges Herzklopfen in der Brust und vernahm ein Beklemmungsgefühl. Gleichzeitig hatte ich Angst, nicht mehr genug Luft zu bekommen und es begann in verschiedenen Körperteilen, den Fingerspitzen, dem Kopf und den Händen zu kribbeln. Mir wurde übel und ein immer heftiger werdender Schwindel überkam mich. Meine erste Reaktion, als die Symptome auftauchten, war „Panik“. Blitzartig tauchten die aus vielen vorherigen Attacken vertrauten schlimmen Gedanken auf: „Ich werde jetzt gleich sterben, ich bekomme einen Herzinfarkt, ich bin allein und verlassen in einer unbekannten Stadt und niemand kann mir helfen“. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits mehrere Wochen in der Angstbewältigungsgruppe der Klinik Strategien im Umgang mit Panikattacken vermittelt bekommen. Als diese Gedanken Freiraum hatten, habe ich mich schnell daran erinnert, dass meine einzige Rettung sein wird, den Teufelskreis zu durchbrechen. Ich fing an, die in der Angstbewältigungsgruppe erworbenen „Regeln“ anzuwenden, obwohl ich eigentlich absolut nicht darauf vertraute, dass sie helfen würden. Zu oft hatten mich ähnliche Attacken in meinem Leben bereits in den Bann gezogen und ich fühlte mich ihnen hilflos ausgeliefert. Zuerst konzentrierte ich mich auf die Atmung, d.h. ich atmete ein, ohne die Lunge zu voll zu tanken, und dann atmete ich langsam wieder aus, bis meine Lunge ganz leer war - zwischen Ein- und Ausatmen wartete ich stets zwei Sekunden. Diesen Vorgang wiederholte ich mehrmals. Dann setzte ich mich sicher und fest hin, so dass ich meine Füße am Boden gut spüren konnte. Das tat ich, um nicht zu dissoziieren, d. h. den Kontakt zur Realität zu verlieren. Mit dem selben Ziel, in der Realität zu bleiben, fing ich an, alle Dinge, die mich umgaben, ganz genau und detailliert zu betrachten und ich beschrieb sie laut vor mich hin. Ich sah mir genau meinen Eisbecher an, der vor sich hinschmolz, die Kleidungsstücke, die meine Freundinnen trugen, deren Farben etc., dann die Form des Sonnenschirms über uns, die Getränke, welche die anderen Gäste zu sich nahmen und so weiter. Während ich am Betrachten und Beschreiben meiner Umgebung war, fing ich parallel dazu an, die am Anfang aufgetauchten negativen Gedanken bewusst in positive Gedanken zu umzuformulieren und zu verändern. Statt mir einzureden, „ich werde jetzt sterben“ sagte ich mir „das wirst du schaffen, das hast du auch schon andere Male geschafft“. Anstatt mich fertig zu machen mit dem Gedanken „jetzt kriege ich einen Herzinfarkt“ soufflierte ich mir „du bist doch körperlich kerngesund“. Hatte ich mir eben noch eingeredet „ich bin allein in einer unbekannten Stadt“, sagte ich mir jetzt innerlich „ich kann doch immer um Hilfe bitten“.
Wo ich vorher sehr häufig von überraschenden Panikattacken heimgesucht wurde, die bei mir mit ihren Nebenerscheinungen üblicherweise stundenlang angedauert hatten, ich öfter sogar den Notarzt gerufen hatte oder man mich ins Krankenhaus eingeliefert hatte, konnte ich an diesem Tag, dank der vermittelten Bewältigungsstrategien, eine Attacke alleine in den Griff bekommen und innerhalb von 30 Minuten überwinden. Im weiteren Verlauf meiner Therapie hatte ich noch mehrere weitere, aber leichtere Panikattacken aus heiterem Himmel, die ich jedoch in ähnlicher Weise recht günstig beeinflussen konnte. Ich konnte jetzt den vom Angstgruppentherapeuten geäußerten, und von mir als zynisch empfundenen Satz, dass das Auftreten einer Panikattacke während der Klinikbehandlung eine gute Chance wäre, an der Bewältigung zu arbeiten, ganz anders einordnen.
Meine Erkenntnis:
Die angewandten Regeln, Taktiken und Hilfsmittel, von denen ich zuvor geglaubt und gedacht habe, dass sie niemals funktionieren würden, haben doch gewirkt! Das war wirklich überraschend für mich, sagte ich mir doch in der Klinik in den ersten Wochen doch „lass die nur reden, in einer Attacke bin ich schutzlos ausgeliefert“.
Kommentar des Leiters der Angstbewältigungsgruppe der Klinik Dr. Robert Mestel:
Natürlich ist dieser Bericht ein ausgewählter prototypischer Verlauf der optimalen Bewältigung einer Angstattacke – aber auch ein solcher kommt nicht selten vor. Der Patientin gelang es, die zentralen Angstbewältigungsregeln selbst in einer sehr starken Angstintensität (Stufe 9 auf einer subjektiven Angstskala von 0=keine Angst, 5=mittelhoch und 10=extremste Panik) anzuwenden. Das soll anderen Betroffenen Mut machen. Sie regulierte ihre Atmung, konzentrierte sich auf das Ausatmen. Sie akzeptierte die Angst- und Panikgefühle und redete sich nicht ein, normal oder stark zu sein. Letzteres bedeutet natürlich nicht, dass sie sich der Angst ohnmächtig ergeben hat. Statt sich auf sich selbst zu konzentrieren, „in die Selbstbeobachtung abzurauschen“ lenkte sie sich im guten Sinne mit einer „Hier und Jetzt“ Wahrnehmung ab. Es gelang ihr, sich nicht in körper- oder krankheitsbezogene Bewertungen hinein zu steigern, sondern zu einer realistischeren Bewertung ihrer Körpersymptome zu gelangen. Besonders zu betonen ist hier, dass die Betroffenen sich diese anderen beruhigenderen Bewertungen zumindest einigermaßen glauben sollten – es geht auf keinen Fall um Positives Denken wie „ich bin stark und ruhe in meiner Mitte“. Mit solchen Affirmationen wird die negative Realität des Angsterlebens mit all seinen Folgen geleugnet und ignoriert. Weiter gelang es ihr, überwertige Katastrophengedanken (z. B. „ich werde jetzt sterben“) durch angemessenere Bewertungen ihrer Situation zu „überschreiben“. Anderen Betroffenen hilft hier auch die Strategie des „Waffen streckens“ bzw. anvertrauens an eine höhere Macht oder ähnliches mit einem Satz wie „wenn das jetzt mein letztes Stündlein sein soll, dann war es das eben“. Den Betroffenen helfen aus meiner Erfahrung verschiedene Bewältigungsstrategien, gerade deshalb ist der Austausch in Gruppen von Personen mit einer ähnlichen Symptomatik so hilfreich.
Höhenangstbehandlung der HELIOS Klinik Bad Grönenbach