HELIOS Rehakliniken Bad Berleburg - Rothaarklinik

Rehabilitation und ICF

Aufgrund geschichtlicher und sozialpolitischer Entwicklungen gibt es in Deutschland die Trennung in medizinische Behandlungen zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung einerseits und der gesetzlichen Rentenversicherung andererseits. Während erstere primär störungs- und symptomorientiert arbeitet, ist die Rehabilitation vorrangig auf die Behebung der Krankheitsfolgen im Sinne der Funktionsausfälle, der Fähigkeitsstörungen und der Beeinträchtigungen in Alltag und Beruf ausgerichtet (Nosper 2005).

 

Mit der ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health, 2001; Schuntermann 2005) wurde ein umfassendes bio-psycho-soziales Modell vorgelegt, welches den Rehabilitanden im Zusammenhang mit seiner Umwelt sieht. Die ICF ist die Ergänzung der ICD- 10 (Internationaler Katalog der Diagnosen), weil aus der Diagnose allein nur begrenzt das Ausmaß und die Konsequenzen eines dysfunktionalen Geschehens abgeleitet werden kann.

 

Die ICF gibt eine Klassifikation vor (insgesamt 1.445 Items) mit der differenziert Einschränkungen auf der Ebene der Strukturen und Funktionen des Körpers und der Psyche beschrieben werden können, mit den daraus resultierenden Einschränkungen der Aktivitäten und Fähigkeiten. Erfasst und beschrieben werden die Auswirkungen auf die Teilhabe des betroffenen Menschen in den verschiedenen Lebensbereichen (Alltag, Familie, Beruf, Freizeitgestaltung). Das Neue und Kennzeichnende an diesem Konzept ist die Beachtung der Kontextfaktoren im Sinne einer systemischen Sichtweise, womit einerseits hemmende, sog. Barrierefaktoren gemeint sind, aber auch unterstützende Faktoren, die in der Person des Patineten oder seiner Umwelt begründet sein können. Positive Faktoren, die in der Person des Rehabilitanden liegen, können Erfahrungen, Motivation, genetische Prädispositon oder Bildung sein, die sich auch in den Begriffen Ressource oder Resilienz wiederfinden. Negative Faktoren sind häufig defizitäre, inflexible Variationen der bereits genannten Variablen.

 

Die Kontextfaktoren bilden den umfassenden Rahmen und die Bedingungen, mit denen der Rehabilitand lebt, die sich einerseits förderlich oder aber auch hemmend auf ihn auswirken können. Als Beispiel sei auf die Diskussion um den Schulerfolg von Kindern oder den Gesundheitszustand bestimmter Bevölkerungsgruppen in Abhängigkeit vom sozioökonomischen Status hingewiesen. Wir leben in einer komplexen Welt und nur eine systemische Sichtweise (Eder 2007), die Veränderungen und Entwicklungen als Ergebnis von Interaktionen begreift, ist in der Lage, bestimmte Erscheinungsbilder (z.B. Krankheitsentwicklungen) zu erfassen und Behandlungsstrategien zu entwickeln. "Mit dem bio-psycho-sozialen Modell wird ein bedeutender Pradigmenwechsel vollzogen. Funktionale Probleme sind nicht mehr Attribute einer Person, sondern sie sind das negative Ergebnis einer Wechselwirkung. Diese Betrachtung eröffnet ganz neue Perspektiven der Hilfe (ICF-Praxisleitfaden 2006)".

 

ICF und Psychosomatik weisen einerseits große Gemeinsamkeiten auf, weil sie beide eine bio-psycho-soziale Sichtweise beinhalten, in der ein Krankheitssymptom bzw. -zustand in Bezug gesetzt wird zum Krankheitsträger und den Auswirkungen in seiner Lebenswelt. Sie unterscheiden sich darin, dass die ICF ein Klassifikationssystem darstellt, mit dem detailliert Funktionen und Aktivitäten sowie Kontextfaktoren erfasst werden können. Die ICF ist aber keine Krankheitstheorie, die etwas über die Hintergründe oder den konkreten Zusammenhang zwischen den einzelnen Dimensionen aussagt.



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