Verarbeitung der Krankheitserfahrung
Dabei handelt es sich um einen in Phasen verlaufenden, individuellen Prozess, in welchem der Patient nach und nach die lebensgeschichtliche Bedeutung seiner Erkrankung, aber auch seine neuen und persönlichen Chancen erkennt.
In einer ersten Phase des „Nicht-Wahrhabenwollens“ oder der „Verleugnung“, die vielen Patienten zunächst eher hilft, ein psychisches Gleichgewicht zu bewahren, sind Gedanken wie "Es wird schon von alleine vorübergehen" kennzeichnend. In dieser Phase erhält eine eher sachliche, aber gleichzeitig patientenzugewandte Auseinandersetzung über die zunehmend klareren Untersuchungsbefunde und die ersten Behandlungsvorschläge besondere Bedeutung. Nur über eine verständliche Sprache erkennt der Patient, wie die Krankheit zu bewerten ist und dass es sich bei der koronaren Herzerkrankung um eine chronische Erkrankung handelt. Es stellt sich für den Psychologen in dieser Phase die Aufgabe, zusammen mit dem Arzt auf die gesundheitliche Situation und auf das aktuelle Befinden des Patienten einzugehen.
Merkmale der Verunsicherung ("wieso gerade ich?", "wie wird es später weitergehen?") treten in einer zweiten Phase zunehmend in den Vordergrund. Oft ist nun in der Gesprächsbeziehung deutlich zu spüren, dass eine als chronisch einzuschätzende Erkrankung auch als Bedrohung und als persönliche Einschränkung erlebt wird. Diese erhebliche Verletzung des Selbstbildes und des Selbstkonzeptes führt, insbesondere bei der Neigung vieler Koronarpatienten zu hohem Dominanzstreben und stark ausgeprägten Kontrollbedürfnissen, oft zu massiv aufbrechenden, manchmal chaotischen Gefühlen. In dieser Phase "aufbrechender Gefühle" sind Aggressivität und oft gleichzeitig auftretende massive Unsicherheit/Ängstlichkeit und depressive Reaktionen zu erwarten.
Eine dritte Phase der persönlichen „Zwischenbilanzierung“ bereitet dann häufig einen realistischen Bezug zur erlebten Erkrankung und zu sich selbst, eine gelungene Krankheitsbewältigung und die Wiederaufnahme des Alltags vor. Angemessene Krankheitsbewältigung drückt sich dann im Alltag durch ein wieder erreichtes hohes Maß an Selbstverständlichkeit aus. Dieser phasische Verlauf ist immer als individueller Prozess zu verstehen, der in der stationären Nachsorge verlässliche Begleitung und fachliche Unterstützung erfordert.
Fehlt die fachliche und emotionale Unterstützung des Patienten in den ersten Wochen, bestehen einmal Gefahren der Entwicklung falscher Krankheits- oder Gesundheitskonzepte wie auch Gefahren durch möglicherweise unangemessene Selbsteinschätzungen. Auf der anderen Seite kann eine zu schnelle Abwehr und Verharmlosung der erlebten Erkrankung dazu führen, dass die Chancen von Verhaltensänderungen und des Aufbaus koronarschützender Lebensstile nicht erkannt oder nicht umgesetzt werden. Ebenso kann bei einer nicht angemessenen Krankheitsbewältigung eine Überängstlichkeit zurückbleiben, die die Gefahr einer langandauernden depressiven Verfassung in sich birgt.
HELIOS Rehazentrum Bad Berleburg
Herz Kreislauf Klinik
Abteilung Psychologie
Dr. Heinz Grombach
Diplom-Psychologe
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