Interview mit Chefarzt Dr. Guntram Ickenstein

Ein Schlaganfall bedeutet immer Lebensgefahr – hier zählt jede Minute. Durch eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn, erhalten die Nervenzellen zu wenig Sauerstoff und Nährstoffe. Die Folge: Sie sterben ab, das Gehirn erleidet irreparable Schäden. Jeden Tag sterben in Deutschland 200-300 Menschen an einem Hirninfarkt. Eine schnellere Behandlung des akuten Schlaganfalls könnte viele Leben retten.

Das HELIOS Neuronet macht einen wichtigen Schritt in diese Richtung: Es ist das erste, bundesweit operierende teleneuromedizinische Netzwerk, das die Behandlung von akuten Schlaganfall-Patienten via Videokonferenz ermöglicht. Videobilder, Ton und Patientendaten werden dabei zwischen zwei oder mehreren Klinik-Standorten übertragen. Für den Betroffenen bedeutet das: Wertvolle Zeit wird gespart, da die Erstbehandlung direkt und schnell vor Ort eingeleitet wird

Mit unserem Experten und Leiter des HELIOS NEURONET, Chefarzt Dr. Guntram Ickenstein, HELIOS Klinikum Aue, sprachen wir u.a. über die Umsetzung der Telemedizin bei HELIOS und den Patientennutzen

Dr. Ickenstein, was bietet das HELIOS NEURONET und wer nimmt daran teil?

Innerhalb eines Krankenhauskonzerns mit 61 Krankenhäusern ist es sinnvoll, die Infrastruktur und das medizinische Wissen der Neuro-Intensiv-Einheiten und Stroke Units (Spezialstation für Schlaganfallpatienten) zu erweitern und mittels eines Teleneuromedizinischen Hintergrunddienstes (NEURONET) allen Schlaganfallpatienten zur Verfügung zu stellen.
Neue Therapiekonzepte wie die so genannte Überbrückungskonzepte (engl. Bridging Konzepte) führen zu einer schnelleren Versorgung der Patienten: Ärzte verschiedner Fachdisziplinen (z.B. Neurologie, Neurochirurgie, Neuroradiologie und Innere Medizin) beraten sich gemeinsam am Monitor und wählen die optimalen Therapiemaßnahmen zusammen aus.

Wie viele Patienten profitieren seit dem Start des NEURONET ?

Patienten mit einem akuten Schlaganfall haben seit 2007 die Möglichkeit, bereits in der Notaufnahme einer HELIOS Klinik von einem Schlaganfallexperten via Telemedizin untersucht zu werden.
Dieser sog. teleneuromedizinische Konsildienst ist über eine einheitliche Hotlinenummer erreichbar - an 365 Tagen im Jahr und rund um die Uhr. Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten können so innerhalb kürzester Zeit mit einem Schlaganfallexperten besprochen und abgestimmt werden. Bisher haben in den letzten 12 Monaten 207 Patienten davon profitiert

Können Sie uns ein Beispiel geben, wie die Behandlung eines Patienten abläuft?

Eine 72jährige Patientin kam ca. 2,5 Stunden nach Beginn der Symptomatik (Lähmung der rechten Körperhälfte und Sprachstörungen) in die Notaufnahme. Die computertomographische Darstellung der Hirngefäße zeigte einen Verschluss einer größeren Hirnarterie. Die Wiedereröffnung des Gefäßverschlusses wurde daraufhin im HELIOS NEURONET via Telemedizin zwischen Neurologen und Neuroradiologen geplant. Das Team der regionalen Stroke Unit (Spezialstation für Schlaganfallpatienten) begann mit einer überbrückenden Blutverdünnung (Thrombolyse). Nach Verlegung der Patientin unter fortlaufender Therapie in ein Stroke Unit Zentrum, konnte innerhalb von 3,5 Stunden nach Beginn der ersten Schlaganfall-Symptome durch neuroradiologische Interventionsmaßnahmen eine vollständige Wiederherstellung des Blutflusses erreicht werden.

Ist der Nutzen der Thrombolysetherapie wissenschaftlich beschrieben?

Ja, der Nutzen ist in der Literatur eindeutig belegt (siehe unten). Beispielhaft zeigt die Thrombolysestatistik des HELIOS Klinikum Aue (42 Patienten; 2007/2008) wie sich der so genannte NIHSS Wert bei den Patienten nach einer Thrombolysetherapie günstig verändert. hat

Die NIHSS zeigt die neurologischen Ausfallserscheinungen bzw. Behinderung nach einem Hirninfarkt an. Der Wert ergibt sich aus verschiedenen Fragen und kann zur Verlaufsbeurteilung nach einer Thrombolysetherapie herangezogen werden. Je höher die Punktzahl, desto schwerer sind die Ausfallserscheinungen.

1 = NIHSS bei Aufnahme
2 = NIHSS nach 24h
3 = NIHSS nach 7 Tagen
4 = NIHSS nach 3 Monaten

Literaturbeispiele:

  1. Ickenstein GW, Isenmann S, Fiehler J, Gahn G, Schumacher M, Klisch J. Thrombolysis in Neuromedicine: Bridging concepts for the management of acute brain infarction with occlusion of intracranial vessels. Clinical Neuroradiology 2008; 18:88-97
  2. Ickenstein GW, Audebert H, Wahlgren NG. Implementation of thrombolytic therapy for stroke in routine practice. In: Thrombolytic and antithrombotic therapy for stroke. Bogousslavsky J, Hacke W (Hrsg.). Informa UK Ltd. 2006: 167-178
  3. Ickenstein GW, Horn M, Schenkel J, Vatankhah B, Bogdahn U, Haberl R, Audebert HJ. The use of Telemedicine in combination with a new Stroke-Code-Box significantly increases t-PA utilization in rural communities. Neurocritical Care 2005, 3: 27-32
  4. Audebert HJ, Kukla C, v. Clarenau C, Kühn J, Schenkel J, Vatankhah B, Ickenstein GW, Haberl RL, Horn M. Telemedicine for safe and extended thrombolysis in stroke: the Telemedic Pilot Project for Intergrative Stroke Care (TEMPIS) in Bavaria. Stroke 2005, 36 (2):287-291

Welche Probleme gibt es bei der Realisierung von Telemedizinprojekten?

Der Erfolg von Telemedizin beruht auf einer systematischen Zusammenarbeit der verschiedenen Fachrichtungen. Telemedizin deckt zunächst die Schwachstellen in der Versorgungskette von Patienten auf und hilft dann, diese zu schließen, indem sie die Barrieren bei der interdisziplinären Kommunikation vermindert.

  • Die Akzeptanz der Methode und Technik steigt mit der Häufigkeit der Anwendung.
  • Der Arbeitsaufwand bei der Durchführung (Videokonferenz, Neuroradiologie, Dokumentation auf Zentralserver) wird mit der Routineanwendung geringer.
  • Zukünftige Abrechnung der Telekonsile mit den Kostenträgern mit Etablierung von regionalen Stroke Units und Teleneurologiestellen ist wichtig für den weiteren Ausbau dieses Konzeptes.

Warum hat sich HELIOS hier als Vorreiter engagiert?

Die Effektivität eines teleneuromedizinischen Dienstes im Rahmen der Schlaganfallversorgung in ländlichen Gebieten konnte in den USA und Europa gezeigt werden. Im HELIOS NEURONET arbeiten überregionale Stroke Units mit einer wöchentlich rotierenden Servicebereitschaft zwischen den Stroke Unit Zentren (Aue, Erfurt, Berlin-Buch und Wuppertal) effizient und kompetent zusammen.

Innerhalb der HELIOS Kliniken GmbH konnte so innerhalb kürzester Zeit eine qualitative Verbesserung der allgemeinen Schlaganfallversorgung in ländlichen Gebieten ohne durchgehende neurologische Fachexpertise erreicht werden.


Dr. med. Guntram W. Ickenstein
Medizinischer Leiter HELIOS NEURONET
Fachgruppenleiter Neuromedizin
HELIOS Kliniken GmbH

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